Ortsschild
Nauholz lebt:  Nachruf

Quelle: Siegener Zeitung vom 5. September 1994

Nauholz - Nachruf auf ein Dorf

Viele Jahre sind vergangen - schon eine lange Zeit.
Dass in Nauholz Häuser standen, ist längst Vergangenheit.

Wir denken heut' noch gerne an den schönen Ort zurück,
wo wir unsre Jugend verbrachten und unsrer Kindheit Glück.
War auch der Schulweg beschwerlich, täglich vier Kilometer lang,
es wurde uns bei Wind und Wetter davor doch niemals bang.

Der Weg im Winter war nicht immer frei. Wir stapften oft durch tiefen Schnee.
Waren oft nass, doch pünktlich zur Stell' und selten krank oder nie.

Wie war's im Tal so wunderschön, so schallt es noch heut' aus manchem Mund.
Wenn es im Frühling wurde grün, in Wald und Grund.
So mancher, der des Weges kam und sah hinab ins Tal,
der wünschte sich im Stillen, hier zu wohnen, das wär' ideal.

Viele hatten sich schon ein Plätzchen erworben, ein neues Häuschen gebaut.
Allen wurde die Freude verdorben, das lang ersehnte Glück geraubt.
Auch die Maler und Fotofreunde fanden das Dörfchen idyllisch und schön.
Sie malten und filmten mit Freuden das Tal und die Bergeshöh'n.

Ihnen bleibt die Erinnerung, wie es einst war doch besteh'n.
Die Bilder, die ihnen gelungen, sie können wir heute noch seh'n.
Unsere Kinder öfter sagen: Zeigt uns noch einmal das Dorf,
wo wir unsre Jugend verbrachten und unser Haus und Hof.

Es ist gut, dass man noch Bilder hat - sie zu nehmen in die Hand.
Unsere Jüngsten schon nicht mehr wissen, wo ihre Wiege einst stand.
Sie werfen uns heute noch vor: "Warum habt Ihr Euch nicht gewehrt?!"
Es wär' unser kleines Dorf noch heute sehr begehrt.

Auch Bauplätze wären für uns alle da, vom Hang bin in das Tal.
Wer heute von uns bauen will, muss diese sehr teuer bezahl'n.

Eine Sperre war lange schon im Plane, doch dies nahm man nicht mehr ernst,
bis kam der Lageplan. Die Zeichnung sah man jetzt.
Die Kunde der Obernauer, die traf uns alle hart.
Sie mussten als erste Gemeinde aus ihrem Heimatort.

Nauholz kann stehenbleiben, so hiess es froh zuerst.
Jedoch die grosse Freude verwandelte sich in Schmerz.

Es gibt eine Trinkwassersperre; mit Landwirtschaft ist es aus!
Ihr müsst Euch ganz umstellen, vielleicht ausbauen Euer Haus.

Vier Jahre wurde nun hart geschafft in der alten Fachwerksbehausung.
Als die schönen Wohnungen fertig gemacht, kam wieder eine grosse Enttäuschung.
Nach langer schwerster Arbeit hatte manches Haus Fremdenpension.
Auch dieses wurde zunichte, dieser dann ersehnte Lohn.

Ihr müsst nun doch den Ort verlassen, so schwer es Euch auch fällt.
Es wird nun eine Trinkwassersperre, so wurde uns jetzt erzählt.
Wir standen alle ratlos da und wussten nichts zu sagen.
Umsonst war alle Müh' und Fleiss, das körperliche Plagen.

Wir beschlossen: Unser Dörfchen wird so wie es war aufgebaut.
Wir fanden der Platz "Auf den Weiden", die Behörde hat es uns nicht erlaubt.
Unsere lieben Alten, die so mit der Scholle vertraut, von Kindesbeinen an;
sie konnten nicht begreifen, was man ihnen angetan.

Den armen Greisen fiel der Abschied unsagbar schwer.
das nachbarliche Grüssen, sie hören's schon lange nicht mehr.
Schon viele die Augen schlossen, es brach das Herz ihnen schwer.
Manche Tränen sind geflossen. Das Heimweh war ihr Verzehr.

Früher sagte ein Sprichwort: "Alte Bäume verpflanzt man nicht."
Doch die Behörden kannten anscheinend solche weisen Sprüche nicht.
Und waren einige Häuser leer, die Altertümer geraubt,
dann kam auch schon die Feuerwehr und verbrannte das meiste zu Staub.

Entsetzlich war das anzuseh'n, wenn die Fachwerkhäuser brannten.
Die Eichenbalken glühend steh'n wie feurige Giganten.
Sie hielten lange dem Feuer stand und wollten sich nicht biegen,
doch mit des Baggers starkem Arm kam alles zum erliegen.

Das Dorf wurde zusehends kleiner. Totenstille ward es im Tal.
Verschont bleib auch nicht einer. Abschied nehmen mussten all'.
Die Schwalben kamen im Frühjahr wieder und suchten ihr Nest vom vorherigen Jahr.
Sie flogen und suchten vergebens nach der Heimat, die auch die ihrige war.

Die Arbeit ging pausenlos weiter, die Maschinen ratterten Tag und Nacht,
bis dann nach einigen Jahren das Talsperrenwerk war vollbracht.
Es dauerte nochmals Jahre, bis die Sperre voll Wasser war.
Wassermangel gibt's nicht mehr und das Trinkwasser ist sauber und klar.

Jeder hat nun Wasser mehr als genug und kann so viel er will entnehmen.
Doch bedenkt: Wir gaben die Heimat dafür und vergossen sehr viele Tränen.

(c) 1988 - Frieda Klappert, Deuz